— Wissen · Wirkung und ROI
Wirkung und ROI.
Theeboom-Metaanalyse, ICF-Studien, MetrixGlobal Fortune 500. Durchschnittlich 5- bis 7-facher ROI. Was die Wirksamkeits-Forschung zeigt — und was sie nicht zeigt.
— Rahmen
Was Wirkungsforschung im Coaching leistet.
Wer Coaching strukturiert einkauft — als Klient oder als Unternehmen — will wissen, ob es wirkt. Diese Frage ist berechtigt, und die Forschung gibt eine Antwort. Sie gibt diese Antwort allerdings nicht in Form spektakulärer Geld-Renditen, wie sie in Verkaufs-Broschüren oft auftauchen, sondern in Form sauber gemessener Effektgrößen. Wer Wirkung sucht, sollte die Daten lesen, die wirklich erhoben wurden — und nicht die Marketing-Übersetzungen.
Coaching-Wirkung ist methodisch schwer zu messen. Es gibt keine doppelblinde Studie wie in der Pharmakologie. Klienten suchen Coaching meist aktiv selbst — was eine Selbstauswahl mit sich bringt, die jeden Vergleich mit einer Kontrollgruppe verzerrt. Effekte sind oft zeitlich versetzt und schwer einer einzelnen Sitzung zuzuordnen. Trotzdem hat die Forschung in den vergangenen zwei Jahrzehnten genug saubere Daten zusammengetragen, um eine belastbare Antwort zu geben.
— Hauptbefund
Die Theeboom-Meta-Analyse 2014.
Der bislang am häufigsten zitierte wissenschaftliche Befund zur Coaching-Wirksamkeit stammt von Theeboom, Beersma und van Vianen, publiziert 2014 in der Fachzeitschrift Journal of Positive Psychology. Die Meta-Analyse wertete 18 unabhängige Studien aus und untersuchte fünf Outcome-Kategorien: berufliche Performance und Fähigkeiten, Wohlbefinden, Coping mit Belastung, Arbeitseinstellung und zielgerichtete Selbstregulation.
Das aggregierte Ergebnis ist ein mittlerer positiver Effekt (Hedges g = 0,66). Auf einer in der Sozialforschung üblichen Skala entspricht das einer substanziellen, statistisch signifikanten Wirkung. Effektgrößen über 0,5 gelten in der Forschungsliteratur als praktisch relevant — Coaching liegt damit deutlich über der Schwelle der Beliebigkeit. Die Wirkung ist also nachweisbar.
g = 0,66
Aggregierter Effekt
Theeboom et al. 2014
g = 0,74
Selbstregulation (stärkster Effekt)
Theeboom et al. 2014
g = 0,43
Coping (schwächster Effekt)
Theeboom et al. 2014
— Einordnung
Was diese Zahlen praktisch bedeuten.
Hedges g ist ein statistisches Maß für die Stärke eines Effekts. Es vergleicht den Unterschied zwischen einer Gruppe mit Intervention und einer Kontrollgruppe, korrigiert für die Streuung der Werte. Ein Wert von g = 0,2 gilt als kleiner Effekt, g = 0,5 als mittlerer, g = 0,8 als großer. Coaching erzielt im aggregierten Mittel der Theeboom-Studie 0,66 — also einen mittleren bis großen Effekt.
In den einzelnen Outcome-Kategorien zeigt sich ein interessantes Muster. Die stärkste Wirkung hat Coaching auf zielgerichtete Selbstregulation (g = 0,74) — also die Fähigkeit, eigene Ziele klar zu fassen und das Verhalten daran auszurichten. Ebenfalls deutlich sind die Effekte auf Performance/Fähigkeiten (g = 0,60), Arbeitseinstellung (g = 0,54) und Wohlbefinden (g = 0,46). Der schwächste, aber immer noch positive Effekt liegt bei Coping mit Belastung (g = 0,43).
Diese Differenzierung ist wichtig. Coaching wirkt am stärksten dort, wo es methodisch original liegt: bei der Klärung und Verfolgung von Zielen. Bei klassischen Bewältigungs-Themen ist die Wirkung schwächer — was darauf hinweist, dass Coaching keine Therapie ist und in dieser Funktion auch nicht eingesetzt werden sollte.
— Zufriedenheit
ICF-Daten zur Klienten-Wahrnehmung.
Neben den Effektgrößen-Studien liefern die ICF Global Coaching Studies regelmäßig Zufriedenheits-Daten. Die aktuelle Erhebung 2025 — 10.035 befragte Coaches in 127 Ländern — bestätigt anhaltend hohe Zufriedenheitsraten bei Coaching-Klienten. ICF berichtet, dass Klienten in den meisten Befragungen ihre Coaching-Erfahrung als zufriedenstellend oder sehr zufriedenstellend bewerten.
Diese Zufriedenheits-Daten ersetzen keine Wirkungsforschung im engeren Sinne. Sie zeigen, dass Coaches grundsätzlich Klienten haben, die das Format als hilfreich empfinden — sie zeigen aber nicht objektiv messbare Veränderungen in Performance, Wohlbefinden oder Selbstregulation. Für letzteres bleibt die Theeboom-Meta-Analyse die belastbarere Quelle.
— Wichtige Abgrenzung
Was die Forschung NICHT zeigt.
In Coaching-Verkaufs-Materialien zirkulieren häufig Aussagen wie „5- bis 7-facher Return on Investment" oder „529 Prozent ROI". Diese Zahlen sind nicht aus der Theeboom-Meta-Analyse, und sie sind methodisch nicht belastbar.
Die „529-Prozent-ROI"-Aussage geht zurück auf eine einzelne MetrixGlobal-Studie bei Fortune-500-Unternehmen, vermutlich aus den frühen 2000er Jahren. Sie wurde nie peer-reviewed publiziert und basiert auf Selbsteinschätzungen der Befragten — keine objektiv gemessenen Geld-Werte. Die Aussage „5- bis 7-facher ROI" ist eine Marketing-Übersetzung, die in der Coaching-Branche kursiert, in der wissenschaftlichen Literatur aber keine Belegnachweise hat.
Wer eine Coaching-Investition rechtfertigen muss, hat die Wahl: er kann die Marketing-Zahlen verwenden — und sich nicht wundern, wenn Controller diese Zahlen nicht akzeptieren. Oder er kann die Theeboom-Effektgrößen verwenden und in einem zweiten Schritt für den konkreten Anwendungsfall eigene Wirkungs-Indikatoren definieren (Mitarbeiter-Bindung, Krankheitstage, Beförderungs-Quote, Konflikt-Eskalations-Rate). Das ist methodisch ehrlicher und in vielen Fällen sogar wirksamer in der Vorstands-Präsentation.
— Praktische Konsequenz
Was Klienten und Unternehmen mit diesen Daten machen können.
Für Klienten heißt der Befund: Coaching wirkt — mit einer mittleren bis substanziellen Effektstärke, am stärksten in der Selbstregulation. Wer eine konkrete Veränderung im Verhalten plant, hat in Coaching ein gut belegtes Format. Wer Therapie braucht, sollte Therapie suchen — Coaching kann diese Funktion nicht ersetzen.
Für Unternehmen heißt der Befund: Wirkungs-Indikatoren müssen vor dem Coaching definiert werden, nicht danach abgeleitet werden. Ein Coaching-Programm, dessen Erfolgs-Kriterien erst nach Programmende festgelegt werden, ist methodisch nicht überprüfbar. Wer Coaching strukturiert einkauft, definiert vorab: Welche Verhaltens-Veränderung soll messbar werden? Welche organisationale Kennzahl soll sich bewegen? In welchem Zeitraum?
Genau diese vorgelagerte Kontrakt-Klarheit ist ein zentrales Qualitätskriterium seriöser Coaching-Anbieter. Wer Coaching anbietet, ohne eine konkrete Wirkung im Voraus zu bestimmen, gibt strukturell zu, dass die Wirkung nicht überprüfbar sein wird. Das ist nicht zwingend Betrug — aber es ist keine professionelle Begleitung.
— Forschungslage
Wohin sich die Coaching-Forschung entwickelt.
Seit der Theeboom-Meta-Analyse 2014 hat sich die Coaching-Forschung weiter ausdifferenziert. Es gibt heute spezifische Studien zu digitalem Coaching, zu Gruppen-Coaching, zu Coaching bei Burnout-Prävention und zu Coaching in spezifischen Branchen-Kontexten. Eine umfassende Meta-Analyse auf dem Stand 2024 oder 2025 mit ähnlicher Breite wie Theeboom 2014 ist noch nicht publiziert — wer auf dem aktuellsten Stand sein will, muss einzelne Studien lesen und einordnen.
Strukturell zeigt sich aber: Coaching-Wirkung wird zunehmend granular gemessen — nach Format (Präsenz/digital), nach Klienten-Typ, nach Anwendungsfeld. Die einfache Antwort auf „Wirkt Coaching?" ist Ja. Die ehrliche Antwort lautet: Wirkt Coaching — für wen, in welchem Setting, bei welchem Anliegen, mit welcher Methodik. Und genau diese ehrlichere Frage ist es, die seriöse Coaches gemeinsam mit ihren Klienten klären.
— Quellen
Belegnachweise zu allen Zahlen.
- Theeboom, T., Beersma, B., van Vianen, A. E. M. — Does coaching work? A meta-analysis on the effects of coaching on individual level outcomes in an organizational context (Journal of Positive Psychology, Vol. 9, S. 1–18) · 2014 · Link
- International Coach Federation (ICF) · PwC — 2025 ICF Global Coaching Study — Executive Summary · 2025 · Link
- Jones, R. J., Woods, S. A., Guillaume, Y. R. F. — The effectiveness of workplace coaching: A meta-analysis of learning and performance outcomes from coaching · 2016 · LinkZweite große Coaching-Meta-Analyse, bestätigt Theeboom-Befunde
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) — Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit · Berechnungs-Grundlage für Coaching-Wirtschaftlichkeit · 2024 · Link
— Weiterlesen in der Wissens-Reihe
Alle Zahlen sind mit Quelle und Jahr hinterlegt. Wo eine Aussage nicht belegbar ist, steht keine. Stand der Recherche: Mai 2026. Aktualisierung laufend.
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